Narziss

Narziss
Bildquelle/Urheber: © Fotolia
Kategorie: Kurzgeschichten
Thema: Gesellschaft & Soziales, Sexualität & Partnerschaft
Autor: Ulla See
Erstellt am 16.6.2017
letzte Änderung 25.7.2017

Narziss
Immer wieder ziehen Sie mich an, diese Narzissten. Na ja, nicht wirklich Narzissten. Jedoch, nennen wir sie mal so. Die Tendenz ist ja da. Mehr oder weniger ausgeprägt. Diese in sich selbst verliebten Menschen, nein Männer. Bei Frauen halte ich Abstand. Aber Männer, die haben eine Anziehungskraft. Narzissten sind anziehend. Charisma haben Sie. Charisma, das haben Sie gemeinsam. Sie sind einfühlsam, charmant, interessiert. Anfangs. Sie sind Exoten. Oh Gott ist es schön ihre Aufmerksamkeit zu entfachen. Ist es das wirklich? Ja, es nährt das eigene Bedürfnis geliebt zu werden. Es nährt den Mangel an Liebe für sich selbst. Das ist das Verführerische daran. Das ist das Anziehende. Das was auf der einen Seite zu viel ist, ist auf der anderen Seite zu wenig. Fülle gegen Mangel. Der Austausch. Das habe ich erkannt. So lange bis der Austausch alles nivelliert und man lernt sich selbst zu lieben. Ich lerne mich zu lieben. Frau gibt sich ihnen hin. Erbarmungslos nehmen sie es an. Bald klebt Frau wie ein Insekt an der fleischfressenden Pflanze. Dieser exotischen Schönheit, diesem verführerischen Duft der weiten Welt. Man klebt und wird verdaut. Das können Sie perfekt. Menschenressourcen verdauen. Sie verschlingen dich förmlich. Selbstaufgabe nicht ausgeschlossen. Liebe? Ja unendliche Liebe, an der Oberfläche. Tiefe? Ja. Die wird gesucht und auch gefunden. Beim Opfer. Nicht in sich selbst. Da ist sie ja schon. Die Eigenliebe ist essentiell. Kein Mensch kann so lieben wie Narzissten. Jedoch diese Liebe ist beschränkt auf sich selbst und darauf zu konsumieren. Die Liebe der Anderen zu konsumieren. So lange bis sie sich auflöst. Die Liebe, der Andere, die Andere. Narzissten brauchen viel Liebe. Ganz viel. Abwechslungsreiche Liebe. Dann wenn es zu eng wird, dann wenn es zu nahe wird, dann suchen Sie ein neues Opfer. Dann gehen sie ihr aus dem Weg. Der Liebe, dieser anderen Liebe. Die Liebe, die gibt und nicht nur nimmt. Glück sieht anders aus

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